Am Montag (23.02.) habe ich den Berlinale-Siegerfilm gesehen während eines Pressescreenings in Leipzig. Ich bin skeptisch bei Festival-Entscheidungen. Auch bei dieser. Der Winter war gerade erst ein paar Tage fort. Sonne auf dem Weg ins Kino.
Der Film startet im Theater und endet in einem Trailer an einem Filmset. Wenn das schon Spoilern ist, dann lesen sie besser nicht weiter. Sehen Sie diesen Film.
Erste Dimension – politisches Theater
Premiere in Ankara. Große Bühne, großes Stück, großes Publikum – Hochkultur. Nach einem visuellem Birdman-Filmzitat schließt sich die gefeierte Hauptdarstellerin in der Garderobe ein. Sie öffnet die Tür nicht für Freunde und ihren Mann, den Autor des Stückes. Und öffnet auch nicht, als sie zum Foto mit einem mächtigen Politiker gebeten wird.
Zweite Dimension – Familie
„Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer), ein gefeiertes Künstlerehepaar aus Ankara, führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi ein erfülltes Leben. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie gehen nach Istanbul, wo sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unterkommen.
Während sich Aziz mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und an seinen Überzeugungen festhält, sucht Derya nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Nach und nach vergrößert sich die Distanz zwischen ihnen und ihrer Tochter, bis sie sich zwischen ihren Wertvorstellungen und der gemeinsamen Zukunft als Familie entscheiden müssen.“ (Quelle: Pressetext)
Kann man so erzählen – wenn man in dieser Dimension bleiben mag. Nur – da ist so viel mehr.
Dritte Dimension – menschliche Beziehungen
Man muss Mensch bleiben in dieser harten Zeit, heißt es im politischen Lied. Aber was bedeutet das? Schreibe ich von einer neutralen Position aus, die mein Wissen, meine Überzeugungen und mein Menschsein einfach ausblendet? Muss man sich leisten können. Muss man sich aber auch leisten wollen. Und Mensch sein können. Hier wird das Private politisch und eben auch das Politische privat. Habe ich die menschliche Größe, die Menschen an meiner Seite sich entwickeln zu sehen – und sie in ihrer Größe, mit dem, was ich von ihrer Welt verstehe, zu lieben?
Vierte Dimension – Der Künstler in der Kunst
İlker Çatak gelingt hier (mich vollständig) von dem Umstand abzulenken, dass in diesem Film-Kunstwerk der Künstler Inhalt der Kunst ist. Man kann der deutschen Filmszene vieles nachsagen, aber nicht, dass sie sich mit den heutigen Problemen einfacher Menschen in dieser Gesellschaft beschäftigt. Die Selbstbezogenheit der Szene reicht bis in die Förderung, bis in die Politik hinein. Ausweg ist oft die Flucht in die Vergangenheit – Deutschland als Filmland redet ja nicht über Zukunft.
Gelbe Briefe macht das anders. Obwohl die Filmautoren im Film über den Autor erzählen, der Autor bleiben will, zu seinen Konditionen. Obwohl die Schauspielerin im Film ihr Schauspiel nicht gegen ihre Selbstwirksamkeit im Leben eintauschen will, aber Schauspielerin bleiben. Es gibt ausreichend andere Figuren, die auch nicht blass bleiben und auch nicht nur Hintergrund sind, die die beiden in der heutigen Gesellschaft erden. So wird aus dem Künstler in der Kunst der Mensch in der Gesellschaft. Das muss man erst einmal leisten, und aus meiner Sicht ist das hervorragend gelungen.
Fünfte Dimension – Der Zeitspiegel
Man kann Gelbe Briefe als einen Film über die türkische Gesellschaft sehen. Ein Produktionserfordernis, das allerdings auch eine eigene Dimension annimmt, ist der Ort der Handlung: Berlin als Ankara, Hamburg als Istanbul. Aber Bilder einer Stadt sind Bilder einer Stadt. Sie werden durch Behauptung nicht Bilder einer anderen Stadt. Und so bleibt eine Schere, die den Riss öffnet in die eigene Gesellschaft. Einerseits vermeidet Gelbe Briefe damit den Fingerzeig auf die Anderen. Andererseits schwingt durchgängig eine Ambivalenz mit, der es gelingt nicht zu entfremden, sondern zu berühren.
Sechste Dimension – die Filmkunst als Unterhaltung
125 Minuten ohne Längen, ohne Erzählschwächen, getragen von Bildern auf Augenhöhe der Geschichte und Musik von ausgesuchter Produktionsqualität in allen Aspekten. Hauptsächlich aber getragen von zwei hervorragenden Hauptdarstellern. Und einen Cast, der keine Schwächen hat. Direktion von höchster Qualität. Der Goldene Bär einer Jury unter der Leitung von Wim Wenders ist das Ergebnis.
- Regie: İlker Çatak
- Drehbuch: İlker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen
- Darsteller: Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas, İpek Bilgin, Aydin Işik u.a.
- Produktion: Ingo Fliess (if… Productions)
- mit Haut et Court (Paris) und Liman Film (Istanbul) mit arte/ZDF
Siebte Dimension – Die Zuschauer
In welcher Dimension sie den Film auch ansehen wollen, er geht mit allen gleichzeitig souverän um. Das ist außergewöhnliches, unterhaltsames, berührendes Kino – jenseits von Action und Autorenkino und diesseits von Hollywood.
Was dieser Goldene Bär über das Festival aussagt, das ihn vergeben hat – das ist eine andere Geschichte.
Ab 05.03. im Kino.
- Dieser Text korrespondiert mit: „Das Gegenteil von Politik“ auf dieser Website.
- Gelbe Briefe auf der Berlinale-Website
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