Was es bedeutet, wenn das „politischste der großen Filmfestivals“ einen Film über staatliche Repression auszeichnet – und gleichzeitig erklärt, Film sei unpolitisch.
Wim Wenders saß zur Eröffnungspressekonferenz der Berlinal 2026 auf dem Podium und sagte, Film sei das Gegenteil von Politik. Das war keine zufällige Formulierung. Es war ein Satz, der in die Pressekonferenz fiel wie ein Stein ins Wasser – und Ringe zog, die das gesamte Festival umfassten. Derselbe Wim Wenders hatte die Berlinale zwei Jahre zuvor noch als das politischste der großen Filmfestivals bezeichnet. Zwischen diesen beiden Aussagen liegt keine bloße Meinungsverschiebung. Zwischen ihnen liegt eine Spannung, die etwas über das Wesen öffentlich geförderter Kulturinstitutionen verrät: dass sie immer beides gleichzeitig sind – Plattform und Bühne, Markt und Spiegel, Offenheit und geregelte Durchlässigkeit.
Am Ende der 76. Berlinale erhielt der Goldene Bär ein türkisches Theaterpaar, das seine Arbeit verliert, weil es sich politisch geäußert hat. Ein Film über Berufsverbote, staatliche Repression und den stillen Terror des Autoritarismus. Jurypräsident Wenders nannte ihn eine „furchtbare Vorahnung“ – einen Blick in eine nahe Zukunft, die möglicherweise auch in unseren Ländern passieren könnte. Und in eben diesem Moment, in dem das Festival seinen Hauptpreis für politische Ästhetik vergab, galt auf der institutionellen Ebene: Film ist das Gegenteil von Politik.
Diese Gleichzeitigkeit ist kein Widerspruch, den man einfach auflösen könnte. Sie ist das eigentliche Thema.
Was ein Festival ist – und was es tut
Ein internationales Filmfestival wie die Berlinale ist kein neutraler Ort. Es ist ein Raum, in dem Sichtbarkeit verteilt wird. Welche Filme laufen? Welche Konflikte werden benannt? Welche Perspektiven erhalten den Goldenen Bären, welche laufen im Nebenprogramm, welche tauchen gar nicht erst auf? Diese Entscheidungen sind keine rein ästhetischen. Sie sind kulturpolitische Akte – auch dann, wenn niemand sie so nennt.
Gleichzeitig ist das Festival ein Branchenereignis. Karrieren werden positioniert, Fördergelder sichtbar, Koproduktionsnetzwerke gepflegt. Kommunikation dient hier der Positionierung, nicht der Begründung. Imagemanagement ist kein Nebenprodukt, sondern ein Kerngeschäft. Diese Doppelstruktur – das Festival als Marketingraum und als Machtschauraum zugleich – erzeugt eine spezifische institutionelle Logik: Man zeigt politische Realität, aber man begrenzt die Bedingungen, unter denen über diese Realität im institutionellen Kontext gesprochen werden kann.
Das ist eine Struktur, die nur sichtbar wird, wenn jemand sie befragt.
Die Frage als Methode
Im Verlauf dieser Berlinale gab es einen Moment, der genau das tat. Eine journalistische Nachfrage1 zielte nicht auf eine persönliche politische Haltung, sondern auf institutionelle Konsistenz: Warum werden in bestimmten geopolitischen Kontexten klare Zeichen menschlicher Solidarität mit den Opfern gesetzt, in anderen nicht? Die Frage adressierte keine Moral, sondern eine Differenz – zwischen normativem Universalitätsanspruch und selektiver Praxis.
Was folgte, war aufschlussreicher als jede mögliche Antwort: Die Frage wurde begrenzt. Nicht nur institutionell, sondern auch durch Teile des journalistischen Feldes selbst. Moderationspraktiken, professionelle Erwartungen, implizite Feldnormen – sie wirkten zusammen, um den Kommunikationsraum wieder zu stabilisieren. Die Grenze der Befragbarkeit wurde nicht von oben gesetzt, sondern koordiniert reproduziert.
Das ist kein Einzelfall, kein Fehler, kein Skandal im engeren Sinne. Es ist ein Strukturtest – und das Festival hat ihn bestanden. Im Sinne seiner eigenen Funktionslogik.
Was an diesem Moment analytisch interessant ist: Er macht sichtbar, dass Offenheit und Begrenzung kein Widerspruch sind, sondern ein komplementäres Paar. Die sichtbare Offenheit eines Festivals – die Vielzahl der Themen, die internationale Besetzung, die politischen Stoffe im Wettbewerb – bleibt nur stabil, wenn ihre Grenzen situativ gesichert werden können. Offenheit ist immer auch regulierte Offenheit.
Was öffentliche Finanzierung bedeutet
Die Berlinale ist nicht privat. Sie ist öffentlich legitimiert und öffentlich finanziert. Das ist keine buchhalterische Kleinigkeit. Es ist eine normative Tatsache, die den Status des Festivals grundlegend verändert.
Öffentliche Finanzierung begründet einen Anspruch auf Rechenschaftsfähigkeit. Hier wird nicht politische Kontrolle über Kunstentscheidungen gefordert – das wäre das falsche Modell. Hier geht es um die Befragbarkeit institutioneller Praxis: Warum diese Themen und nicht jene? Warum diese Solidaritätsgeste und keine andere? Warum diese Frage und nicht jene, die gestellt wurde?
Öffentlichkeit ist in diesem Zusammenhang keine Zuschauergruppe. Sie ist eine strukturelle Bezugsgröße. Eine Institution, die aus allgemeinen Haushalten finanziert wird und dabei erhebliche symbolische Wirkung entfaltet, kann nicht vollständig selbst bestimmen, unter welchen Bedingungen sie thematisch adressiert wird. Die Grenze liegt dort, wo aus Darstellung Begründung werden müsste – und dieser Übergang wird vermieden oder begrenzt.
Genau in diesem Übergang zeigt sich die demokratische Qualität einer Institution: in der realen Reichweite zulässiger Nachfrage.
Der Siegerfilm als Spiegel
Und dann ist da noch der Film selbst. Gelbe Briefe von İlker Çatak2 erzählt von einem Theaterpaar in Ankara, das durch eine regierungskritische Äußerung seine Arbeit verliert, seine Stellung in der Gesellschaft, seine Sicherheit. Ein Film über Berufsverbote, über die langsame Erosion von Handlungsspielräumen, über das, was passiert, wenn der Staat entscheidet, wer sprechen darf und wer nicht.
Dieser Film gewinnt den Goldenen Bären. Und Jurypräsident Wenders sagt, Film sei das Gegenteil von Politik.
Das ist keine Heuchelei. Es ist die Ambivalenz der Institution in ihrer reinsten Form.
Das Festival prämiert politische Sichtbarkeit im Werk, während es politische Rechenschaft über seine eigene Sichtbarkeitsordnung begrenzt. Es ermöglicht politische Bedeutung auf der Ebene der Ästhetik und begrenzt sie auf der Ebene des institutionellen Diskurses. Gelbe Briefe thematisiert staatliche Repression, und das Festival lobt es dafür. Aber wenn eine Nachfrage auf die selektive Solidarität des Festivals selbst zielt, greift eine andere Logik.
Wenders formulierte es selbst, ohne es so zu meinen: Das Kino ist empathisch, das Festival ist empathisch – mit dem Werk. Mit der Befragbarkeit seiner eigenen Praxis ist es das weniger.
Selektive Durchlässigkeit
Was bleibt, ist eine strukturelle Diagnose, die über diese Berlinale hinausreicht. Öffentliche Kulturkommunikation in institutionell gerahmten Räumen operiert unter Bedingungen selektiv regulierter Befragbarkeit. Bestimmte Themen sind anschlussfähig, andere werden situativ begrenzt oder umgeleitet. Diese Selektivität folgt keinem ausdrücklichen Regelwerk. Sie entsteht aus dem Zusammenwirken institutioneller Interessen, professioneller Routinen und situativer Risikobewertungen.
Das ist keine Kritik an einzelnen Entscheidungen. Es ist eine Beschreibung einer Funktionslogik. Und diese Logik gilt nicht nur für die Berlinale. Sie gilt für viele öffentlich legitimierte Kulturinstitutionen, die in ihrer Selbstbeschreibung Offenheit behaupten – und in ihrer Praxis Selektivität organisieren.
Der Siegerfilm macht diese Logik erkennbar, gerade weil er in ihr enthalten ist. Er zeigt, was kulturell sichtbar gemacht werden kann. Und die Reaktionen auf Befragung zeigen, was institutionell begrenzt bleibt. Beides gehört zur selben Kommunikationsordnung. Die Preisvergabe demonstriert kulturelle Offenheit. Die Begrenzung von Nachfrage demonstriert regulierte Durchlässigkeit.
Gerade ihre Gleichzeitigkeit macht die Struktur erkennbar.
Was das bedeutet
Film ist nicht das Gegenteil von Politik. Film ist eines der wirksamsten Mittel, mit denen Gesellschaften über sich nachdenken. Die Berlinale weiß das. Sie zeigt es jedes Jahr – in der Auswahl, im Wettbewerb, in der Preisvergabe. Manchmal zeigt sie es so deutlich wie in diesem Jahr, wenn der Goldene Bär an einen Film über staatliche Repression geht und der Jurypräsident dazu sagt, dieser Film sei eine Vorahnung dessen, was auch in unseren Ländern passieren könnte.
Was das Festival weniger konsequent tut: die eigene Sichtbarkeitsordnung mit derselben Klarheit befragbar machen, die es von den Filmen einfordert, die es auszeichnet.
Das ist kein unlösbares Problem. Aber es ist eines, das man benennen muss. Denn wer öffentlich legitimierte Institutionen nur an ihren schönsten Momenten misst – an den Filmen, die sie zeigen, an den Reden, die sie halten –, der übersieht das Entscheidende: Demokratische Qualität zeigt sich nicht im Feierlichen.
Sie zeigt sich darin, was passiert, wenn man fragt.
Kunst zeigt und befragt.
Politik benennt und antwortet.
Journalismus muss beides sichtbar machen dürfen.
1 (externe Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=QqjOw7QXrxs)
2 Rezension des Films „Gelbe Briefe“ (Goldener Bär auf der Berlinale 2026) auf dieser Website





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