Wie ein Zahlenraster zum kulturellen Thema gemacht wird
Über das Verhältnis von Wirklichkeit, Zahlen und gesellschaftlicher Wahrnehmung
Es gibt eine Wirklichkeit, die keiner Tabelle folgt. Sie entsteht in Beziehungen, in Belastungen, im Druck des Alltags. Sie ist größer als das, was später gezählt wird. In ihr bewegen sich Menschen, nicht Kategorien.
Daneben existiert die Statistik. Sie ist ein Raster, kein Spiegel. Sie zeigt nur das, was sichtbar gemacht wurde – nicht das, was geschieht. Kriminalstatistik zum Beispiel erfasst Kontakte zur Polizei, nicht Lebenslagen. Sie erfasst institutionelle Kategorien, nicht die Bedingungen, aus denen Handlungen entstehen.
Statistik ist Sichtbarkeit, nicht Ursache.
Und dann gibt es die Darstellung. Sie entscheidet, wie Zahlen klingen. Ob sie als Warnung erscheinen oder als Diagnose. Ob sie Zusammenhänge öffnen oder schließen, offenlegen oder als geltend setzen. Die Darstellung ist eine Form sozialer Macht, weil sie bestimmt, welche Wahrnehmung sich durchsetzt. Und damit wird, nicht zuletzt, die Gegenwart gefiltert nacherzählt. Malen nach Zahlen? Beraten nach Daten. Das ist der Sinn von Statistik.
Beispiel Kriminalstatistik
Im Zentrum dieser steht die Frage nach Kriminalität. Die Statistik zeigt zur Zeit eine Überrepräsentation bestimmter Gruppen: Menschen ohne deutschen Pass, Menschen mit geringen Ressourcen. Diese Muster sind real – aber sie erklären sich nicht aus Herkunft, sondern aus Lebenslagen, die stark verdichtet sind.
Belastete Verhältnisse erzeugen Risiken. Nicht Identitäten.
Die Wirklichkeit erzählt: Wer wenig besitzt, hat weniger Abstand zu Situationen, die sich verengen. Wer instabil lebt, trifft häufiger auf Kontrolle. Wer jung und männlich ist, steht statistisch überall auf der Welt näher an typischen Risikoszenarien.
Doch die Darstellung kann daraus auch ein kulturelles Thema machen. Sie löst die Statistik aus ihrem Kontext und verwandelt Zahlen in Geschichten, die Ursachen behaupten, die sie gar nicht gemessen hat, weil sie diese auch nicht messen kann.
Das kulturelle Thema
Aktuell wird aus der polizeilichen Kriminalstatistik gern ein kulturelles Deutungsangebot geformt: dass Herkunft selbst als Risiko erscheine.
Dass die Überrepräsentation bestimmter Staatsangehörigkeiten Ausdruck eines kulturellen Musters sei.
Das ist unredlich.
Die Statistik misst Kontakte zur Polizei, keine kulturellen Dispositionen. Die Darstellung verwandelt diese Kontakte jedoch in kulturelle Erzählungen – und erzeugt dadurch eine Realität zweiter Ordnung, die mit der Wirklichkeit wenig verbindet.
Wir sehen also:
Was geschieht, ist die Wirklichkeit.
Gezählt wird Statistik.
Daraus wird Darstellung.
Erst wenn diese Ebenen getrennt werden, lässt sich erkennen, wo gesellschaftliche Arbeit beginnt: in Wohnlagen, in Bildungszugängen, in der räumlichen Verteilung von Belastungen, in der Aufmerksamkeit, die bestimmten Gruppen gilt – und anderen nicht.
Die meisten Konflikte entstehen dort, wo Darstellung mit Wirklichkeit verwechselt wird und Zahlen so eingesetzt werden, als könnten sie Gründe benennen, obwohl sie nur Muster zeigen.
Gesellschaftliche Klarheit entsteht nicht durch mehr Daten, sondern durch einen präziseren Blick auf die Beziehung zwischen Zahl und Leben. Die Statistik zeigt Strukturen. Die Wirklichkeit zeigt Gründe. Die Darstellung entscheidet, ob wir sie erkennen.
Und eine Politik, die Darstellung von Statistik plump zur Meinungsmache ausnutzt, ignoriert diese Zusammenhänge einfach.
Wie sehen Sie das?
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